Fichte - Picea abies

Die Pflanzenwelt und die Natur begreife ich wie ein offenes Buch in dem ich lese oder wo mir die Pflanzen ihre Geschichten erzählen. Auf den sommerlichen Bergwanderungen ist mir dieses Jahr besonders oft die Wettertanne aufgefallen. Dieser knorrige und erhabene Baum, der seine ausladenden Äste bis an den Boden hängen lässt, ist für sich ein Unikat mit einem währschäften Charakter. Die Tanne ist gepeitscht von Wind und Regen, gebräunt von manch heissen Sonnenstunden und sanft behütet von lauen Nächten. Sie hat etlichen Winterstürmen wiederstanden und den kommenden Frühling geduldig erwartet. Der Baum ist geprägt und gereift, ein Pflanzenwesen das seine Seelensignatur verkörpert.

 

Das Pendant zu den wetterfesten Tannen sind die angebauten Fichten, Monokulturwälder die der Mensch erschaffen hat. Es ist dieselbe Art doch ihr Wesen ist verkümmert. Die Bäume sind eingepfercht und stehen in Reih und Glied und scheinen fast vergessen zu haben was ihr wahrer Charakter ist, weil sie sich nicht entfalten können. Die Fichten kränkeln und werden vom Borkenkäfer befallen und sterben ab. Kaum fegt ein Windsturm übers Land, fallen die Bäume reihenweise um, ganze Wälder verfallen dem Kahlschlag.

 

Die Fichte versinnbildlicht für mich als Pflanze den Kollektiv Wahn, dem die Menschen seit geraumer Zeit verfallen sind und nun zum Höhepunkt strebt. Doch jeder Höhepunkt ist gleichzeitig ein Wendepunkt und Neubeginn. Es ist höchste Zeit sich wieder daran zu erinnern, dass wir alle einzigartige Wesen sind.

 

Die Individualität macht uns Menschen stark, es ist die Einzigartigkeit die uns strahlen lässt. In jedem Menschen ist ein Samenkorn gelegt, das genau weiss wie es sich entfalten soll, mit persönlichen Merkmalen und charakteristischen Eigenschaften, mit Talenten und Gaben.

 

Der Wandel der unaufhaltsam voranschreitet beinhaltet für mich ein heranwachsen von Individuen, kreativen, freudigen, inspirierenden Menschen die im Einklang mit der Natur leben und charakteristisch gereift sind, dass ein friedliches Miteinander an der Tagesordnung ist.